Engagement: Mit dem Hund gekommen

  • Hilfe im Alter

Der neue Hundebesuchsdienst der Diakonie Hamburg macht älteren Menschen, die zu Hause leben, Freude und ehrenamtlichen Hunden – und Menschen – viel Spaß.

Christl Welter mit Ilka Dohrles und Hund Paul im Wohnzimmer
© Maria Huber

Christl Welter mit Ilka Dohrles und Hund Paul

Christl Welter* ist 87 Jahre alt und hat einen Hund – aber immer nur donnerstags. Dem Tag fiebert sie die ganze Woche entgegen und wenn es um zehn Uhr endlich an der Tür klingelt, legt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie öffnet die Tür und Paul stürmt herein, sie nimmt seinen Kopf zwischen die Hände und kann gar nicht mehr aufhören, zu sagen: “Paul, du bist mein Bester! Mein ganz Lieber, fein!“

Christl Welter nimmt den neuen Besuchsdienst von SeniorPartner Diakonie in Hamburg in Anspruch. Das Besondere daran: Die Ehrenamtlichen kommen nicht alleine zu Besuch, sondern bringen ihre Hunde mit. Ilka Dohrles* besucht mit ihrem Mischling Paul Frau Welter einmal in der Woche. Aktuell gibt es fünf dieser Paare, die seit wenigen Wochen in Hamburg ältere und demente Menschen besuchen. Die Nachfrage ist groß, deshalb werden 2015 weitere Teams ausgebildet. Bevor die Besuche starten können, werden Hund und Halter speziell geprüft und geschult, damit sie sich im Umgang mit den Senioren richtig verhalten.

Der Hund ist ein Türöffner

Paul ist von der stürmischen Begrüßung ganz erledigt und hat sich auf den weichen Teppich in Frau Welters Wohnzimmer zum Nickerchen hingelegt. Sonores Schnarchen tönt durch den Raum. “Nicht nur die Berührung, auch dieses Schnarchen oder wenn der Hund sich auf die Füße legt und sie wärmt – all das tut den älteren Menschen gut“, sagt Ilka Dohrles. Mit Paul besucht die 67-Jährige nicht nur Frau Welter, sondern auch noch eine demente Frau. “Man merkt schon, dass die Senioren aufgeschlossener sind, der Hund ist ein Türöffner und man kann erst einmal über ihn reden. Dann erzählen die Menschen auch mehr von sich und unterhalten sich offener“, sagt sie.

Christl Welter tut das Anfassen des Hundes gut. Kuscheln und Berührungen, der Kontakt mit Tieren sorgen bei den Senioren für wohltuende Gefühle. Dass Paul zu ihr nach Hause kommt, ist für Christl Welter besonders toll, denn lange hatte sie daheim Hunde: “Ich hatte zwei Cockerspaniel, die hießen beide Zia, das fand ich einfacher“, lacht sie. Doch nun kann sie nicht mehr gut laufen und kann nur noch in Begleitung spazieren gehen – ein eigener Hund ist da nicht möglich. Das macht Christl Welter traurig, umso froher ist sie, dass sie Paul hat, er ist ihr Teilzeit-Hund.

Auch mit Ilka Dohrles versteht sie sich blendend. Das ist auch nötig, denn ihre dreistündigen Besuche widmen sich schließlich nicht nur Paul. “Wenn Frau Dohrles kommt, dann klönen wir erst mal eine Dreiviertelstunde genüsslich“, sagt Welter. Dann geht Ilka Dohrles für sie einkaufen, „oder wenn es mir gut geht, dann komme ich mit raus, dann lässt mich Frau Dohrles vorne an der Ecke an der Apotheke stehen“, lacht sie.

Dann holen sie etwas vom Bäcker und es wird ausgiebig Kaffee getrunken. “Manchmal lösen wir in der Brigitte Kreuzworträtsel, ich schicke das immer ein, aber gewonnen haben wir noch nie was“, sagt llka Dohrles. “Frau Welter kann das so toll, ich bekomme das alleine nie fertig.“ Jetzt ist Frau Welter in ihrem Element: “Wissen Sie zum Beispiel, welcher Dichter in Florenz geboren ist?“ Einen Moment kostet sie spitzbübisch aus, dass Frau Dohrles die Antwort nicht weiß. Dann platzt es aus ihr heraus: “Das ist Dante!“.

Plötzlich klingelt es an der Tür. In derselben Sekunde ist Paul auf den Beinen, bellt laut, rennt zur Tür. Er muss sein Teilzeit-Frauchen schließlich beschützen. Frau Welter kommt langsam mit dem Rollator hinterher. Paul beruhigt sich, es ist nur die Frau, die die Medikamente vorbeibringt. Frau Welter lässt sich wieder in den weichen Sessel fallen, das Gehen fällt ihr nicht leicht. Paul muss das gemerkt haben, er kommt zu ihr, legt seinen Kopf auf ihre Knie, sie tätschelt ihn, krault seinen Ohren, “Paul, ja, du bist mein Bester“ – die Strapazen sind vergessen.

Wenn Einkäufe und Kreuzworträtsel erledigt sind, sitzen Frau Dohrles und Frau Welter gemütlich im Wohnzimmer zusammen auf den weichen Sesseln, Paul liegt auf dem noch weicheren Teppich, alte Lampen mit großen stoffbespannten Lampenschirmen tauchen den Raum mit den dunklen Holzmöbeln in gemütliches Licht. Dann reden sie über Gott und die Welt, das Wetter, die Flüchtlinge, den Einkauf, den kleinen Lord, über Weihnachten und Tannenzweige.

Als sie sich kennen lernten, war schnell klar, dass es passt: “Ich habe Frau Dohrles getroffen und Paul – dann war das gebongt“, sagt die 87-Jährige lächelnd. Sie ist froh, dass sie regelmäßig Besuch von den beiden bekommt, denn 30 Jahre ihres Lebens hatte sie jede Menge Kontakt mit Menschen, in ihrem kleinen Laden, gleich unten im Haus an der Grindelallee in Hamburg: “Ich nannte es immer Klein Karstadt“, sagt sie liebevoll. “Es gab Süßes, Kaffee, Bier, Schnaps, Tabak. Das war mein Traum, ich wollte immer einen Laden haben.“ Als “Quiddje“ – so werden im Raum Hamburg Zugezogene genannt –  hatte sie es nicht immer leicht. Als 16-Jährige ist sie mit ihrer Familie aus Hinterpommern über Lübeck nach Hamburg geflohen.

Die Besuche geben beiden viel

Ilka Dohrles findet die Geschichten spannend, denn bald gehen sie verloren. Und für sie ist neben allem, was sie für Frau Welter tun kann, mit am Wichtigsten, einfach da zu sein: “Durch die Besuche bei den älteren Menschen komme ich schon ins Grübeln: Wie wird das mal bei mir sein? Das Schlimmste ist die Einsamkeit. Aber die Besuche geben auch mir sehr viel“, sagt Dohrles. Früher hätte sie nie gedacht, dass sie einmal gerne mit älteren Menschen Zeit verbringen würde. “Aber zwei Senioren reichen dann auch“, lacht sie. “Dann brauche ich wieder Jüngere in meinem Leben. Da musst du immer auch wieder die Tür zu machen, dass es dich nicht mitnimmt“, sagt sie.

Paul steht auf, startet zu seinem heute letzten Rundgang durch die Wohnung, er muss schließlich sehen, dass für sein Teilzeit-Frauchen alles sicher ist. Dann ist Feierabend für Ilka Dohrles und Paul. Herzlich verabschieden sich die drei voneinander, eine Woche dauert es nun, bis Christl Welter wieder einen Hund hat. “Zuhause bekommt du eine dicke Wurst, versprochen“, sagt Ilka Dohrles zu Paul. Auch ein ehrenamtlicher Hund soll nicht um seine Aufwandsentschädigung gebracht werden.

* Namen von der Redaktion geändert

Text: Maria Huber