Glücksspielsucht: Was ich durchs Spielen zerstört habe

10. November 2014
  • Hilfe bei Sucht

Jahrelang drehte sich Bernd Koglins Leben nur um eins: Das Roulette. Heute hilft er anderen beim Kampf gegen die Abhängigkeit.

© Andreas Schäfer

Glücksspielsucht führt zu Schulden und privaten Konflikten

Die Passion fürs Glücksspiel entwickelte Bernd Koglin schon früh – bereits mit 10 Jahren fand er es aufregend, mit anderen Kindern um Geld zu spielen. Darauf folgten später Poker und Skat, aber “alles noch im Rahmen“, wie Koglin beschreibt. Zum Verhängnis wurde ihm das Roulette: “Ich war völlig fasziniert vom Roulette, von den Verhältnissen und der Rechnerei.“ Diese Faszination führte Koglin in einen Teufelskreis aus Glücksspielsucht, Schulden, privaten Konflikten und Lügen: “Ich habe jeden betrogen, der nicht bei drei auf dem Baum war. Wenn ich nach Hause kam, habe ich Stress mit meiner Frau gesucht, einfach um wieder raus und zocken gehen zu können. Mein ganzes Leben drehte sich nur ums Roulette.“

So verspielte er ohne mit der Wimper zu zucken Abend für Abend tausende von Euro. Sein Gefühl für Geld ging dabei völlig verloren. Koglins Situation wurde immer verfahrener – bis er schließlich im Gefängnis landete. Erst in der Haft wurde Koglin bewusst, dass er glücksspielsüchtig ist: “Ich hatte Zeit, 24 Stunden am Tag über mich und mein Leben und über all das, was ich angestellt hatte, nachzudenken.“ Nach der Entlassung krempelte er sein komplettes Leben um. “Ich brach den Kontakt zu allen ab, zog um, gab niemandem meine neue Adresse.“ Erst sieben oder acht Jahre später nahm er den Kontakt zu Familie und alten Freunden wieder auf. “Ich baue mir heute alles wieder auf, was ich mal hatte, gehe wieder auf meine Freunde zu. Das hat natürlich alles ziemlich gelitten – ich war ja nur spielen. Vieles konnte ich allerdings wieder gerade biegen.“

Völliger Kontrollverlust

“Für Menschen, die glückspielsüchtig sind, sind auch eine Millionen, zwei Millionen oder zehn Millionen Euro Gewinne nicht genug“, erklärt Dr. Theo Wessel, Geschäftsführer des Gesamtverbands für Suchthilfe. “Alles, was gewonnen wird, wird gleich wieder investiert. Es handelt sich dabei um einen regelrechten Kontrollverlust, die Sucht nach dem Nervenkitzel ist einfach zu hoch.“ Viele Glücksspielsüchtige spielen aus Einsamkeit, Stress oder wegen Streit mit der Familie. “Beim Spielen kann man wunderbar abschalten. Der Spieler setzt sich beispielsweise an einen Automaten, braucht über nichts nachzudenken, die eigentlichen Probleme wandern in den Hintergrund“, erklärt Koglin.

In diesem Zustand ist einem Spieler alles um ihn herum egal – bis er in die Tasche greift und kein Geld mehr findet. “Normal ist, den Abend zu beenden, wenn das Geld ausgeht. Die Krankheit ist: Ich kann nicht aufhören“, fasst Koglin zusammen.

Die Sucht nicht unterstützen

Heute geht Koglin offensiv mit seiner Glücksspielsucht um, um anderen Mut zu machen. Er engagiert sich seit zehn Jahren ehrenamtlich für den Verein ‘Glücksspiel-Sucht-Hilfe‘, leitet Selbsthilfegruppen und geht Hilfesuchenden mit gutem Beispiel voran. Seine Arbeit macht er mit Herzblut: “Die Menschen, die meine Hilfe suchen, sind oft verzweifelt. Ich lebe bereits von wenig –  die, die zu mir kommen, haben meist gar nichts mehr.“ Aber nicht nur um die Glücksspielsüchtigen kümmert sich Koglin, auch für die Angehörigen oder ‘Co-Arbeiter‘, wie er sie nennt, hat er stets ein offenes Ohr: “Die beste Hilfe ist, die Sucht nicht zu unterstützen. Aber sagen sie mal liebenden Ehefrauen, fürsorglichen Müttern oder weinenden Vätern, sie sollen ihren Angehörigen kein Geld mehr geben. Es hilft immer wieder jemand finanziell aus“, erklärt Koglin.

Es dauert meist viele Jahre bis eine Glücksspielsucht erkannt wird – anders als bei Alkohol- oder Drogensucht ist sie nicht durch Tests nachweisbar. Zudem halten viele Spieler ihr Doppelleben durch Lügen aufrecht. Da hilft oft nur ein kalter Entzug. “So bekloppt sind wir Spieler“, räumt Koglin ein.

Der Kampf geht weiter

“Nach wie vor ist für mich jeder Tag ein Kampf. Ich lebe nach dem Motto: ‘Heute gehe ich nicht spielen‘. Was morgen, in einem Monat oder Weihnachten ist, weiß ich noch nicht. Heute – das ist überschaubar.“ Noch heute träumt der gelernte Autoschlosser regelmäßig vom Glücksspiel. Gerade wenn privat etwas nicht ganz rund läuft. Ein gut strukturierter Alltag und Post-it-Aufkleber mit der Aufschrift ‘Spielen zerstört mich‘ an PC und Badezimmerspiegel helfen ihm, stark zu bleiben: “Das ist mein Leben, dafür stehe ich heute gerade. Ich habe viel Mist gebaut, keine Frage – mein Ziel ist es heute, anderen zu helfen und vor meinen Fehlern zu bewahren.“

Koglin verbringt sein Leben bewusst: “Ich bin jetzt 65 Jahre alt. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zubrot. Das möchte ich genießen.“ Dazu gehört auch, sich mal etwas zu gönnen – so wie seinen Motorroller: “Ein Stück Freiheit“, sagt er. Eins ist für Koglin allerdings sicher: Geld steckt er nur noch in einen Automaten, wenn ein Fahrschein oder etwas Süßes heraus kommt.

Text: Diakonie/Melanie Zurwonne