Pflegestützpunkte: Wo guter Rat nicht teuer ist

  • Hilfe im Alter

Pflegestützpunkte gibt es in Deutschland viel zu wenig. Dabei können sie maßgeschneidert helfen, wenn man nicht mehr weiter weiß. Die 80-jährige Berlinerin Johanna Jaecke nutzte das Angebot

alte und junge Frau sitzen auf Sessel und Sofa
© Diakonie/Annette Siegrist

Johanna Jaecke (rechts) bespricht mit Sozialpädagogin Gisela Seidel, welche Hilfe sie braucht

Ihre Wohnung ist ihr Lebenselixier. Ein Strahlen huscht über ihr Gesicht, als Johanna Jaecke erzählt, wie sie 1975 im Herzen Berlins in ihre 45-Quadratmeter- Wohnung eingezogen ist. „Damals wusste ich schon: Hier gehe ich erst wieder weg, wenn sie mich hinaustragen müssen.“ So streng sieht sie das heute nicht mehr. Die 80-Jährige hat zwischendurch auch die Vorzüge der Kurzzeitpflege kennengelernt und weiß, dass man auch außerhalb der gewohnten Umgebung gut versorgt wird. Doch ist sie mehr als glücklich darüber, dass sie in ihren eigenen vier Wänden leben kann.
Selbstverständlich ist das nicht, denn Johanna Jaecke ist in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt und deshalb auf Pflege angewiesen. Ihre Krankenakte ist lang: Bandscheibenvorfall, das rechte Bein ist zwölf Zentimeter kürzer als das linke, Schmerzen im Rücken, ein neues Schultergelenk. Vor etwa zwei Jahren gab es dann den Punkt, an dem sie nicht mehr weiter wusste. Drei Monate lang saß sie in der Wohnung fest, kam nicht raus, weil sie kaum gehen konnte. Und auch innerhalb ihrer vier Wände war sie immer mehr auf Unterstützung angewiesen. Doch wer sollte ihr helfen? Und wer sollte das bezahlen?

Was tun, wenn man Pflege braucht? Früher oder später trifft diese Frage fast jeden

 Eine ambulante Pflegerin gab ihr schließlich den entscheidenden Tipp: Sie solle sich mal an den Pflegestützpunkt Friedrichshain-Kreuzberg wenden. Früher oder später trifft diese Frage fast jeden: Was tun, wenn man selbst oder ein Angehöriger Pflege braucht? Wer kann helfen? Und wer bezahlt die Hilfe? Antworten darauf kennt Gisela Seidel. Sie leitet den Stützpunkt in Friedrichshain-Kreuzberg, der an das Diakonische Werk Stadtmitte angegliedert ist. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen teilt sie sich 2,15 Stellen. Rund 500 Fälle betreut das Team im Jahr, von der einmaligen Beratung bis hin zur Begleitung eines Klienten über mehrere Monate ist alles dabei. Neu ist diese Arbeit nicht für sie, denn der Pflegestützpunkt war früher die „Koordinierungsstelle Rund ums Alter“, und sie beschäftigt sich schon seit Jahren mit diesem Thema.

Bereits aus dieser Zeit stammt das Netzwerk mit anderen Beratungsstellen, Pflegeheimen und sozialen Einrichtungen, das Gisela Seidel hegt und pflegt. Wichtigster Partner ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte, mit dem das Team unter einem Dach arbeitet und eng verzahnt ist. „Diese Kooperationen sind das A und O in unserer Arbeit“, betont die Sozialpädagogin. Berührungsängste oder Konkurrenzdenken kennt sie dabei nicht, die Bedürfnisse des Klienten stehen im Vordergrund. Und wenn jemand anders besser unterstützen kann, nimmt sie das gerne in Anspruch. Gisela Seidels Credo: „Wir orientieren uns immer am Hilfebedarf des Einzelnen.“

Sie macht Hausbesuche, wenn die Menschen nicht zu ihr ins Büro kommen können; sie begleitet sie zu Ämtern, wenn sie bemerkt, dass sie alleine damit überfordert sind. Gleichzeitig achten sie und ihre Kolleginnen darauf, dass ihre Arbeit nicht zur Dauerbegleitung wird. „Wir benennen am Anfang immer ein Ziel, und wenn wir das erreicht haben, endet auch die Beratung.“ Tritt dann ein neues Problem auf, können die Betroffenen natürlich wiederkommen und werden unentgeltlich beraten. Die Beratungsstelle pflegt ihre Willkommenskultur – das gilt übrigens auch für Menschen, die nicht gut deutsch sprechen können. Johanna Jaeckel kam in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Fragen in den Pflegestützpunkt. Über die letzte Aktion freut sie sich jedoch am meisten, denn sie ermöglicht ihr, weiterhin in ihrer Wohnung zu bleiben – mit der Hilfe von Hans Hermann Perlwitz, einem rüstigen Rentner, der im gleichen Haus wohnt. Gisela Seidel organisierte mit Johanna Jaeckel den Badumbau in ihrer Wohnung. Sie übernahm den Briefverkehr mit der Hausverwaltung, der Pflegekasse und kontrollierte am Ende die Arbeit der Handwerker. Kommt die Rede auf ihr Bad, hört die Seniorin gar nicht mehr auf zu schwärmen. Die sperrige Badewanne ist raus, nun kann sie in einem Duschbereich ohne Schwelle im Sitzen duschen. „Jetzt ist alles so schön und praktisch.“  

Text: Annette Siegrist  

Pflegestützpunkte

In Deutschland gibt es mehr als 550 Pflegestützpunkte. Viele gehören zur Diakonie. Sie beraten Betroffene und deren Angehörige individuell, unabhängig und unentgeltlich rund um das Thema Pflege. Rat finden Menschen jeglichen Alters, Kinder und Jugendliche ebenso wie Menschen mit Behinderung. Die Pflegestützpunkte informieren über alle finanziellen Leistungen der Kranken- und Pflegekassen, organisieren aber auch den pflegegerechten Umbau der Wohnung und geben Tipps für Hilfsmittel. Ziel ist es, die Betroffenen zu unterstützen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Doch auch bei der Auswahl eines Heims beraten die Pflegestützpunkte.
Die Zahl und die Ausstattung solcher Beratungsstellen ist je nach Bundesland sehr verschieden.  Kompetente Beratung in Sachen Pflegebedürftigkeit findet man aber auch in einer Diakoniestation. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 1400 ambulante diakonische Pflegedienste.