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  • Freiwilliges Engagement

Zwei Paare vermieten an Flüchtlinge. Sie machen unterschiedliche Erfahrungen.

Vier Personen in einem Raum
© Diakonie/Bernd Roselieb

Hoffen, dass ihre Eltern nachkommen: Rodin, Shiri, Novjini, Rouni und Ali Khlo

Holzbalken und Sprossenfenster, niedrige Decken und ein mit Ziegeln gepflasterter Innenhof: Der 200 Jahre alte Hoeck's Hof ist eine Pension mit lebendiger Geschichte. Fast ein Jahr lang hat das Ehepaar Annkatrin Hoeck und Bernfried Kleinsorge die Hofreite im alten Ortskern der südhessischen Gemeinde Egelsbach aufwendig und stilgerecht mit historischen Baumaterialien renoviert.

Die drei Gästezimmer sind nach den historischen Bauherren benannt. Im "Heinrich" stehen eine antike Kommode und ein kleiner Schreibtisch mit gedrechselten Beinen. Hier wohnt seit Januar 2016 Mohammed Lhfa, 25, der in Aleppo Elektrotechik studierte, bevor er vor dem Krieg floh. Er ist zurzeit der einzige Flüchtling, der in Hoeck's Hof wohnt. Es waren mal drei. Dass es mit den beiden anderen nicht geklappt hat, empfindet Bernfried Kleinsorge als "eine persönliche Niederlage". Er und seine Frau hatten sich die Unterbringung von Flüchtlingen als eine "Win-win-Situation" vorgestellt, denn sie wollten den Pensionsbetrieb wegen eines geplanten Auslandsaufenthaltes ohnehin ein wenig einschränken. Zwei Zimmer, so ihr Plan, würden sie langfristig an Flüchtlinge vermieten, das dritte Zimmer weiterhin Gästen zur Verfügung stellen - ein besonderes, hoteleigenes Integrationskonzept also. Dass es scheiterte, hat weniger damit zu tun, dass Mohammed aus Syrien, Hassan aus dem Iran und Ahmad aus Afghanistan in Hoeck's Hof auf Laura aus Dresden trafen, die sich kurz in der Pension eingemietet hatte. Nein, die jungen Leute seien sehr offen miteinander umgegangen, sagt Bernfried Kleinsorge.

Wirtin soll für Sauberkeit sorgen

Für Konflikte sorgten vielmehr ein nicht eingehaltener Putzplan und die unterschiedlichen Auffassungen über Gastfreundschaft. "Ich war sehr geknickt, dass sich zwei der drei Flüchtlinge gar nicht an die Regeln gehalten haben", bilanziert Kleinsorge. Regeln waren notwendig geworden, weil Hassan und Ahmad laut Angaben ihrer Gastgeber nicht putzen wollten. Hotel sei Hotel, da solle doch die Wirtin für Sauberkeit sorgen, hätten die jungen Männer gemeint. Zudem hätten sie häufig Besuch bekommen, der bei ihnen in dem kleinen Zimmer übernachtete. Auch das wollten Bernfried Kleinsorge und Annkathrin Hoeck so nicht  hinnehmen.  Sie verwiesen auf das deutsche Meldegesetz und verlangten schließlich fünf Euro pro Besucher und Nacht, um die Anzahl der Gäste einzudämmen. Dies wiederum wies Ahmad zurück. In seinem Land sei es nicht üblich, von Freunden für eine Übernachtung Geld zu verlangen. Ein Kompromiss konnte in Gesprächen mit der Stadtverwaltung und der Flüchtlingshilfe nicht gefunden werden. Sachbearbeiterin Nadia Mazouz: "Die Gemeinde Egelsbach hat in Zusammenarbeit mit der christlichen Flüchtlingshilfe den Auszug der beiden Flüchtlinge veranlasst. Sie bewohnen nun ein gemeinsames Zimmer in einer anderen Unterkunft."

Lag es daran, dass in der Pension Flüchtlinge aus drei verschiedenen Nationen zusammenkamen? Waren die Regeln des Zusammenlebens im Vorfeld nicht klar definiert? "Vielleicht hätten wir uns vorher kennenlernen sollen", überlegt Annkatrin Hoeck, "die Flüchtlinge wurden uns von einem auf den anderen Tag vor die Tür gestellt."

76-jährige Mutter sorgte sich wegen alleinstehender Männer 

Nadia Mazouz teilt dazu mit, dass die Vermieter in der Regel eine Woche vor dem Einzug Alter, Name und Nationalität ihrer Mieter erfahren. Ein persönliches Kennenlernen finde nur statt, wenn dies von den Vermietern gewünscht sei. Vielleicht liegt hier der Schlüssel dafür, dass Susanne und Andreas Pitz in Nierstein am Rhein mit ihren Mietern andere Erfahrungen gemacht haben.

Das Ehepaar hat in seiner 200 Quadratmeter großen Dachwohnung fünf syrische Geschwister zwischen 14 und 22 Jahren aufgenommen, zwei Jungen und drei Mädchen. Eigentlich sah die Kreisverwaltung vor dem Einzug kein Kennlerntreffen zwischen Mietern und Vermietern vor. Doch Andreas Pitz, der viel auf Reisen ist, bestand darauf: "Meine 76 Jahre alte Mutter wohnt mit uns im Haus. Sie machte sich nach den Ereignissen in Köln Sorgen, dass in die Wohnung lauter alleinstehende Männer einziehen könnten." Mit Rodin Khlo (22) und ihren Schwestern Novjini (21) und Shiri (20) und Brüdern Ali (18) und Rouni (14) verstand sich Familie Pitz jedoch von Anfang an gut. Zusammen haben sie alle die Wohnung gestrichen und bei Bekannten nach Möbeln gesucht. Freunde spendeten eine komplette Einbauküche.

Die Geschwister, die von ihren Eltern aus Aleppo auf die Fluchtroute geschickt wurden, sind gut integriert, obwohl noch nicht alle einen Aufenthaltsstatus haben. Der 14-jährige Rouni, für den die älteste Schwester Rodin die Vormundschaft übernommen hat, spielt im örtlichen Fußballclub. Der 18-jährige Ali, der in Syrien auf ein Gymnasium ging, aber nicht genug Deutsch kann, um diese schulische Laufbahn hier fortzusetzen, nimmt an einem Projekt teil, das ihm den deutschen Hauptschulabschluss ermöglicht. Rodin hilft zurzeit in der Kleiderkammer und hofft, dass sie eines Tages ihr Mathematikstudium wieder aufnehmen kann. "Geht nach Deutschland und studiert!", hatten ihnen ihre Eltern mit auf den Weg gegeben. Die fünf Geschwister hoffen, dass Vater und Mutter eines Tages nachkommen können. Denn die Bilder, die ihnen tagtäglich per Smartphone aus Aleppo geschickt werden, zeigen Städte in Schutt und Asche. Die Bereitschaft, an Flücht- linge zu vermieten, ist im dicht besiedelten Rhein- Main-Gebiet gering, sagt Integrationsbegleiterin Ela Strieter. "Die Wohnungssuche ist extrem schwierig. Vor allem, wenn die Flüchtlinge gern an dem Ort bleiben wollen, an dem sie teilweise schon seit über einem Jahr wohnen, weil die Kinder dort in den Kindergarten oder zur Schule gehen, und sich die ersten nachbarschaftlichen Kontakte entwickelt haben." Es sei aber auch nicht gut, junge Flüchtlinge in kleinen rheinhessischen Dörfern in günstigen Wohnungen unterzubringen, wo sie von der Außenwelt nahezu abgeschnitten seien und keine Chance hätten, ohne immensen Aufwand an Sprachkursen teilzunehmen oder eine Ausbildung zu beginnen. Einen "Glücksfall" nennt Strieter es deshalb, dass die syrischen Geschwister bei Andreas Pitz eine Wohnung gefunden haben. Das sieht nicht nur sie so.

Pitz' Mutter Almut Jakob kocht inzwischen Hummus, und die Familie hat einen weiteren jungen Syrer vorübergehend im Arbeitszimmer untergebracht. Auch das klappt gut. Vertrauen ist wohl die wichtigste Grundlage für ein gelingendes Miteinander.

Auch Annkathrin Hoeck und Bernfried Kleinsorge in Egelsbach haben nicht aufgehört, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Mohammed Lhfa wohnt weiter im "Heinrich", einmal die Woche trainiert er mit seinem Gastgeber Judo. Das Putzen ist kein Problem mehr, Mülltrennung auch nicht. Die Deut- schen hätten nun mal ihre Regeln, sagt Mahmoud Mistefa, ein 16 Jahre alter Syrer, der an diesem Nachmittag zum Kaffeetrinken und zum Übersetzen in Hoeck's Hof gekommen ist. Aber das Gute sei, so fährt er fort, dass sie alle Menschen gleich achteten, egal woher sie kämen und was sie gelernt hätten. Hoeck's Hof bleibt ein besonderer, ein gastfreundlicher Ort. "Wir haben ein offenes Haus", sagt Annkathrin Hoeck, das habe sich nicht geändert. Aber es sei gut, sich vorher zu überlegen, was einem als Vermieter wichtig sei.

Text: Kerstin Klamroth