"Wir sind Freunde geworden"

  • Freiwilliges Engagement

Nicole Scherzer kümmert sich um eine Flüchtlingsfamilie. Sie ist längst mehr als nur Patin.

© Bernd Roselieb

Nicole Scherzer mit Rami Almourtada und seinem Sohn

Einen Kühlschrank, zwei Sofas und einen Fernseher: Mehr können Rami Almourtada und seine Frau Diana Alakhras in dem engen Raum der Container-Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Biebrich nicht unterbringen. Trotzdem hat Diana Alakhras an diesem Nachmittag ein Festmahl gezaubert: kleine Pizzastückchen mit Oliven, Kokosmakronen und Fruchttorte mit Pudding. Dazu starken syrischen Kaffee mit Kardamom. Zu Besuch ist Nicole Scherzer, ehrenamtliche Flüchtlingspatin, die sich eigentlich nicht mehr nur in der Rolle der Betreuerin sieht: "Wir sind Freunde geworden", sagt sie vergnügt. Das junge syrische Paar nickt zur Bestätigung.

Bis aus Fürsorge Freundschaft wurde, war es ein langer Weg. "Wir waren sehr schüchtern, als Nicole das erste Mal zu uns kam", sagt Rami Almourtada, 29-jähriger Physiotherapeut aus Damaskus. "Bekannte in Syrien hatten uns gewarnt, dass die Menschen in Deutschland kalt seien. Wir hatten Angst, etwas falsch zu machen." Diese Angst hatte Nicole Scherzer auch. Als sie sich beim Flüchtlingsprojekt "Be welcome" der Evangelischen Mission (EVIM) meldete, war ihr nur eines klar: "Ich möchte helfen." Schon immer hatte die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin den Wunsch, anderen zur Seite zu stehen. " Als dann die Bilder von den Flüchtlingen im Fernsehen gezeigt wurden, wusste ich, dass ich da etwas tun möchte."

"Ich kann da helfen, wo Bedarf ist"

Wie man ehrenamtliches Engagement erfolgreich organisiert und begleitet, damit hat die EVIM Erfahrung. In der Abteilung "Freiwilliges Engagement" werden 530 Ehrenamtliche und 150 Teilnehmer des Freiwilligen Sozialen Jahres und des Bundesfreiwilligendienstes betreut. Diese engagieren sich für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen, für Kinder und Jugendliche. Im November 2015 startete bei der EVIM das Flüchtlingspatenprojekt "Be welcome". Das Erfolgsrezept: EVIM bietet Austausch, Fortbildung und Supervision in einem professionellen Rahmen, lässt aber den Paten viel Freiheit bei ihrem Engagement. "Jeder und jede soll das machen, was ihm bzw. ihr liegt", erklärt Pirko Krämer, die das Projekt leitet. Die Tandems werden sorgfältig zusammengestellt, Koordinatoren führen vorher Gespräche mit beiden Seiten. Stimmt die Chemie nicht, kann gewechselt werden.

Diese Offenheit gefällt Nicole Scherzer: "Jede Patenschaft ist individuell. Nichts muss geplant werden, ich kann da helfen, wo Bedarf ist!" Mit ein paar Deutschbüchern unter dem Arm war sie dann im vergangenen Winter in die Flüchtlingsunterkunft im Gewerbegebiet gegangen. Schnell stellte sich heraus, dass Rami Almourtada die fremde Sprache schon ganz gut beherrschte, nur die Briefe vom Sozialamt waren ihm ein Rätsel. "Ohne Nicoles Hilfe hätte ich das nicht geschafft", sagt der Syrer, der inzwischen ein Bleiberecht für drei Jahre hat und seine Frau und die beiden Söhne Majed, 5, und Jaen, 2, nachkommen lassen konnte. Majeds erstes deutsches Wort sei "allein" gewesen, erzählt Nicole Scherzer. Und Jaen habe geweint, als er seinen Vater in der fremden Sprache reden gehört habe. Inzwischen haben sich die Kinder an die deutsche Sprache gewöhnt, sie sprechen auch im Kindergarten oder in der Spielgruppe Deutsch.

Bald wird die Familie aus der engen Asylbewerberunterkunft ausziehen in eine eigene kleine Wohnung. Auch das hätte wahrscheinlich auf dem angespannten Wiesbadener Immobilienmarkt nicht so schnell geklappt, hätte sich Nicole Scherzer nicht eingeschaltet. "Manche Vermieter, die ich angerufen habe, haben gleich aufgelegt", erzählt sie. Eine Kollegin, die Kontakte zu einer Hausverwaltungsfirma hatte, gab schließlich den entscheidenden Tipp. Die neue Wohnung ist stark renovierungsbedürftig, dafür ist die Miete aber nicht so hoch.

"Heute weiß ich: Es hat mein Leben bereichert"

"Hätte es den Krieg nicht gegeben, wäre diese Familie gar nicht auf unsere Hilfe angewiesen", sagt Nicole Scherzer. Beide Elternteile hatten ihr Auskommen, waren darüber hinaus selbst ehrenamtlich tätig. Diana Alakhras hat Marketing und später christliche Theologie studiert. Doch eines Tages stand die Miliz vor der Tür, um ihren Mann zum Militärdienst zu verpflichten. Der jüngste Sohn war erst sieben Monate alt, als der Vater sich auf die abenteuerliche Flucht über den Libanon, die Türkei und Griechenland nach Deutschland machte.

Die herzliche Nicole Scherzer symbolisiert für die syrische Familie ein Stück Heimat in der Fremde. Der Deutschen ist dieses Ehrenamt wichtig, sie hat sogar ihre Arbeitszeit reduziert, um Flüchtlingspatin sein zu können. Ihr Chef war nicht begeistert. "Aber ich habe das durchgezogen", sagt die 37-Jährige. "Und heute weiß ich: Es hat mein Leben bereichert." Bei ihren neuen Freunden findet sie "alles, was ich in Deutschland so vermisse: Zusammenhalt, Wärme, Spontaneität. Jeder Einzelne in der Familie macht Fortschritte und jeder in seinem Tempo", sagt Nicole Scherzer. "Jede Woche, wenn ich bei ihnen bin, fällt mir etwas auf, was sie vorher noch nicht konnten oder wussten. Und es passiert von ganz allein. Es ist eigentlich so wenig, was ich mache."

Text: Kerstin Klamroth

Weitere Informationen

Die EVIM sucht noch ehrenamtliche Helfer. Wer sich als Flüchtlingspate engagieren will, sollte sich für eine Mindestzeitraum von sechs Monaten verpflichten und  etwa 3 -4 Stunden pro Woche für die Hilfe einplanen. Kontakt: Pirko Krämer, Telefon 0611 97559998, Email:  [email protected].

Bundesweit gibt es 85 Projektstandorte mit 2500 Patenschaften für Geflüchtete. Die Adressen finden Sie hier (Link zum pdf)