Schulden beißen nicht

  • Hilfe bei Schulden

Katrin Kosch musste sich erst mal klarmachen, dass es besser ist, die Kiste mit den Rechnungen zu öffnen. Eine Fallgeschichte aus der Schuldnerberatung.

Katrin Kosch bekam Hilfe in der Schuldnerberatung der Diakonie.

Manchmal kam es Katrin Kosch so vor, als sei der Umzugskarton schuld, dieses lichtscheue, gefräßige, gemeine Ding. Lauerte in einer Ecke unterm Schreibtisch. Versteckte sich hinter den anderen Kisten. Schluckte Rechnungen, Zahlungserinnerungen, Mahnungen, Aufforderungen, Vollstreckungsankündigungen. Am liebsten ungeöffnete Briefe, am allerliebsten die gelben vom Amt, die mit der Aufschrift "förmliche Zustellung".

Der Karton war nicht satt zu kriegen, er füllte sich ganz langsam: Katrin Koschs Vater hatte ihr, als sie 16 war, eine Wohnung besorgt und versprochen, die Miete zu zahlen. Tat er aber nicht: Zahlungserinnerung. Später meldete er sie online ohne ihr Wissen bei einem Telefonanbieter an: Mahnung. Zwischendurch konnte sie ein Zeitschriftenabo nicht bezahlen: wieder Mahnung. Katrin Kosch hatte ihr Konto nicht immer im Blick. So verging viel Zeit, bis sie merkte, dass sie immer tiefer ins Minus rutschte. Und noch mehr Zeit, bis sie etwas dagegen unternahm. Die Einzelposten waren gar nicht mal so hoch – ein paar Hundert Mark wollte ein Telefonanbieter, ein bisschen was der Stromlieferant. Die Rechnungen schluckte alle der Karton. 2001 war sie bei etwa 5000 Mark Schulden.

Schon für Normalverdiener ist das viel Geld – für Geringverdiener ein kleines Vermögen. Katrin Kosch, 29, trieb damals zwischen Arbeitslosigkeit, kleinen Jobs, berufsvorbereitender Maßnahme und abgebrochener Lehre hin und her. Selbst wenn sie zu diesem Zeitpunkt keine neuen Schulden mehr gemacht hätte, wären die bestehenden durch Zinsen und Verzugsgbühren kontinuierlich gestiegen. Schon ab diesem Zeitpunkt hatte sie kaum noch eine Chance, sich ohne neuen Job aus eigener Kraft freizukämpfen. Aber es sollte noch dauern, bis sie das verstand. Und noch länger, bis sie etwas dagegen unternahm.

Mit der Arbeitslosigkeit die Schulden

Wie viele Menschen in Deutschland überschuldet sind, weiß niemand genau. 0,6 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung haben seit Einführung der Verbraucherinsolvenz 1999 diese laut Statistischem Bundesamt auch angemeldet – das ist mehr als jeder 200. Dazu kommt eine erhebliche Zahl an Menschen, deren Überschuldung sich über Jahre hinweg weiter aufbaut – insgesamt ging es bei Privatinsolvenzen um bisher über 38 Milliarden Euro. Wichtigster Auslöser für Überschuldung ist in knapp 30 Prozent der Fälle Arbeitslosigkeit, danach kommen Trennung, Scheidung oder Tod eines Partners. Weitere Gründe sind Krankheit, Sucht, Unfall oder eine gescheiterte Selbstständigkeit. Überschuldung gilt als eines der wichtigsten sozialen Probleme überhaupt, weil sie mit allen anderen einhergehen kann. Aber die Betroffenen sind ihrem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert. Bei Einrichtungen wie der Schuldner- und Insolvenzberatung des Diakonischen Werks in Berlin-Charlottenburg finden sie Hilfe.

Briefe, die das Leben ruinieren

Katrin Kosch sitzt im Büro ihrer Betreuerin. Das Viertel gilt als vornehm, der Bau stammt aus der Gründerzeit und hat hohe Wände, der Eingangsbereich wirkt weiträumig und repräsentativ. Dahinter führt ein schmaler Gang zu den engen Büros der Schuldenberater. Kosch erzählt, dass es vielleicht noch lange so weitergegangen wäre mit ihr und dem Karton. Bis sie sich gesagt hat: "Es kann doch nicht sein, dass ein paar Briefe mein Leben ruinieren." Sie trägt türkisblaue Leggings und rosa Strümpfe, sitzt neben ihrer Beraterin und blättert in einem Ordner. Auf den ist sie stolz, denn darin hat sie – nach mehreren vergeblichen Versuchen – eingeheftet, was früher der Karton geschluckt hat. "Erst mal brauchte ich drei Tage Anlauf. Dann hab ich an einem einzigen Tag alle Briefe geöffnet, gelocht, nach Absender und Datum sortiert und eingeheftet." Doch dazu bedurfte es eines Anstoßes: Zuerst sperrt die Bank ihr Konto. Das Arbeitsamt zahlt fortan das Arbeitslosengeld bar auf die Hand. Aber es reicht nicht für Strom, Gas, Miete, Monatskarte für den Nahverkehr, Telefon, Handy. Dann wird sie beim Schwarzfahren erwischt; macht 40 Euro. Dann verliert sie ihr Handy; macht zehn Euro im Monat, Vertragslaufzeit zwei Jahre. Und der Pappkarton wird immer gefräßiger. Alles, was nach Rechnung riecht, landet darin. Und Kosch redet sich ein: "Wenn ich erst die Kraft dazu habe, kümmer ich mich drum."

"Es läppert sich"

2002 findet sie Arbeit bei einem Buchclub. Sie muss Leute in Einkaufszentren und in Fußgängerzonen überreden, Abos zu bestellen. Immerhin, es kommt Geld in die Kasse, bis zu 1100 Euro netto. Doch dann trifft sie den falschen Mann. Einen, der sie fragt, ob sie nicht mal mit der Bank reden könne, ob die ihren Dispo noch "ein bisschen tiefer legen lassen" könne – ihm zuliebe. Kosch redet nicht gern darüber. Sie sei eben jung gewesen, naiv und verliebt. Sie absolviert eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel. "Ich dachte, endlich krieg ich mein Leben in den Griff." Im ersten Lehrjahr bekommt sie 250 Euro, dazu 300 Euro vom Arbeitsamt. Die Schulden reduziert sie damit nicht. Stattdessen verdrängt sie sie.

An einem Abend trinkt sie zu viel Tequila, schlägt um sich, landet im Krankenhaus. Es ist ihr Tiefpunkt. Und der Wendepunkt. Sie beginnt eine Verhaltenstherapie und geht zur Schuldnerberatung. Erst als sie die Unterlagen ordnet, wird ihr bewusst, wie viele Gläubiger sie hat, nämlich über 36. Unter anderem die Vermieterin, die Berliner Verkehrsbetriebe wegen Schwarzfahrens, zwei Banken wegen Überziehens, die Telekom und Versatel wegen Telefonkosten, eine Supermarktkette, einen Stromanbieter, einen Verlag wegen eines Zeitschriftenabos, die Gebühreneinzugszentrale, die Charité, der sie wegen einer Zahnfüllung die Zuzahlung schuldet. Oder in den Worten von Katrin Kosch: "Hier ein bisschen und dort ein bisschen, nichts Dramatisches, aber es läppert sich." Und zwar zu 16 000 Euro.

Restschuldbefreiung nach sechs Jahren

Ihre Beraterin begleitet Katrin Kosch durch die Privatinsolvenz. Die ist eine Möglichkeit, mit Schulden umzugehen, und kann eingeleitet werden, wenn eine Einigung mit den Gläubigern nicht zustande kommt. Dabei übernimmt ein Treuhänder, meist ein Rechtsanwalt oder Notar, alle Geldgeschäfte. Es folgt die "Wohlverhaltensperiode": Keine neuen Schulden dürfen gemacht werden. Pfändbares Einkommen wird zur Schuldentilgung eingesetzt. Erst nach dem sogenannten Schlusstermin darf der Schuldner neue Ersparnisse und Vermögen wie etwa ein Erbe zum Teil behalten. Der Schuldner muss in dieser Zeit jede zumutbare Tätigkeit annehmen. Nach sechs Jahren ist das Ziel erreicht: die "Restschuldbefreiung". Wer die entstandenen Verfahrenskosten auch vier Jahre nach der Restschuldbefreiung nicht bezahlen kann, wird auch davon befreit. So steht einem Neuanfang nichts mehr im Wege.

Katrin Koschs Wohlverhaltensperiode hat gerade erst begonnen. Es ist ein harter, langer Weg, den nicht jeder gehen kann oder will. Schuldnerberaterin Corinna Rütt sitzt in ihrem Büro und erzählt: von Schuldnern, die es ablehnen, ihre finanziellen Verhältnisse offenzulegen. Von Menschen, die von Freunden und Verwandten Privatkredite bekommen, und von welchen, die lieber mit den Schulden leben. Die bekommen von Rütt rechtliche Informationen und Tipps für ein möglichst billiges Leben. Menschen mit Suchtproblemen fehlt oft die nötige seelische Stabilität für eine private Insolvenz. Solange sie Geld für Drogen oder Alkohol brauchen, können sie den strengen Auflagen nicht genügen. Vor einer Entschuldung muss deshalb eine Therapie kommen. Bei Menschen mit nur wenigen Gläubigern ist es oft leichter, einen Vergleich zu schließen und Ratenzahlung zu vereinbaren. In wenigen Fällen lässt sich der Gläubiger auch dazu bewegen, die Schulden zu erlassen oder sie "still zu buchen", also deren Eintreibung nicht weiter zu verfolgen. Und schließlich gibt es auch Stiftungen wie die Marianne von Weizsäcker Stiftung für ehemalige Drogenabhängige, die bei der Entschuldung helfen.

Entscheidung gegen die Privatinsolvenz

Gabriele Schulz hat sich gegen die Privatinsolvenz entschieden. Sie kam im Oktober 2008 zur Beratung, mit 6000 Euro Schulden bei ihrer Bank und bei einer Kreditkartenfirma. Die 46-Jährige war nach und nach hineingeschlittert. Sie hatte als Arzthelferin gearbeitet und zum Schluss 2100 Euro netto verdient – "wenn ich nicht gerade im Krankenhaus war". Durch eine angeborene Fehlstellung der Hüfte hatte sie große Probleme mit Schienbein und Sprunggelenk und wurde bisher 23 Mal operiert. Sie litt unter Schmerzen und bekam schließlich zwei künstliche Hüften implantiert.

Nach 14 Jahren kündigte ihr der Arbeitgeber. Eine Weile noch konnte sie vom Ersparten leben. Aber ihre Ausgaben stiegen ständig. Für ein höhenverstellbares Bett, aus dem sie sich mit ihrer künstlichen Hüfte herausstemmen konnte, für die Zuzahlung für orthopädische Schuhe: macht für jedes der drei Paar, die ihr zustehen, 76 Euro. Für die Fußpflegerin, die die Druckstellen an ihrem steifen Sprunggelenk behandelt. Für Kompressionsstrümpfe und für die Haushaltshilfe. Schulz hat das Glück, dass ihr Freunde helfen: mal unterm Bett saugen, Einkäufe erledigen, wenn es im Winter draußen glatt ist. "Ohne sie wäre ich aufgeschmissen. Aber ich darf sie auch nicht überbeanspruchen." Um ganze 80 Euro, das hat ihre Schuldnerberaterin Corinna Rütt ausgerechnet, hat sie pro Monat das Konto überzogen. Macht mit Zins, Zinseszins und Mahngebühren 6000 Euro. Als Schulze zu Corinna Rütt kam, tat die, was sie immer tut bei neuen Klienten: Erste Hilfe leisten. Bei Gabriele Schulz hieß das zunächst, der Bank die Zahlungsunfähigkeit mitzuteilen und eine vorläufige Stundung zu vereinbaren. Noch immer stand ihr das Wasser bis zum Hals – doch immerhin waren die Lecks vorerst gestopft.

Dann folgte der zweite Schritt: Verhandlungen mit den Gläubigern über einen Vergleich. Aus Erfahrung weiß Rütt, dass sich viele Gläubiger darauf einlassen – wenn sie wissen, dass sich jemand professionell um die Schuldnerin kümmert. Denn die Kosten etwa für eine Zwangsvollstreckung müssen die Gläubiger vorschießen – diesen Schritt scheuen sie aber, wenn sie befürchten müssen, dass ohnehin nichts zu holen sein wird.

"Ich hab' nichts Böses getan"

Gabriele Schulz einigte sich mit den Gläubigern auf eine Rückzahlung von 30 Prozent. Sie hat durch die Schulden eine Lebensversicherung, eine private Rentenversicherung, ein paar Aktien von ihrem Vater, einen Fondssparvertrag und einen Bausparvertrag verloren – aber immerhin ist sie jetzt schuldenfrei. Was sie übrigens nicht hat, viele andere Schuldner aber schon: Dinge wie einen Flachbildschirm, ein Auto, mehrere Handys mit zweihundert Klingeltönen, eine große Wohnung, bestellte und nicht bezahlte Ware vom Onlineversandhaus, Spielschulden, Alkoholprobleme.

"Ich erzähle meine Geschichte, denn ich hab nichts Böses getan. Ich bin einfach krank geworden", sagt Schulz. Rütt ist das egal: „Wir bewerten unsere Klienten niemals moralisch.“ Sie interessiert sich nicht für die Frage nach Schuld oder Unschuld. Sondern nur für die Schulden. Die Hilfesuchenden nennt sie "Klienten", sich selbst "Beraterin", und das heißt: "Wir zwingen niemanden, zu uns zu kommen, und laufen keinem hinterher." Ganz entschieden sagt sie: "Abgrenzung ist eine Frage der Professionalität!" Schon weniger entschieden schiebt sie hinterher, dass auch persönliches Engagement eine Frage der Professionalität sei.

Einerseits also: keinesfalls die private Telefonnummer an die Klienten herausgeben und niemals Akten mit nach Hause nehmen. Und andererseits? "Neulich hatte ich einen Klienten mit Lymphkrebs, einen ehemaligen Drogenabhängigen, der stolz war auf seinen erfolgreichen Entzug und seine eigene Wohnung." Er brauchte einen neuen Pyjama und Socken, hatte aber kein Geld dafür. "Da war natürlich bei mir eine persönliche Betroffenheit stark da." Sie hat ihm schließlich den Erlös einer Kirchenkollekte verschafft, kaufte ihm den Pyjama, gab ihm den beim nächstem Termin mit und reichte den Spendenbeleg ein. "In Ausnahmefällen ist die Abgrenzung schwierig."

"Hartz-IV-Schneiderei"

Katrin Kosch hat sich darauf eingestellt, mit wenig Geld zurechtzukommen. Sie hat sich den „Berlinpass“ besorgt, mit dem man bestimmte Kinos, Theater und Museen für einen bis drei Euro besuchen darf. Kaputte Kleidung wirft sie nicht weg, sondern bringt sie in die "Hartz-IV-Schneiderei", billiges Essen gibt’s in der Trinitatiskirche bei "Laib und Seele" dienstags für einen Euro, gebrauchte Kleidung im Secondhandkaufhaus. Sie isst kaum mehr auswärts, kocht sich gesunde, günstige Gerichte wie Salzkartoffeln mit Spinat und Ei, Nudelgratin oder Spaghetti mit Tomatensauce. Einmal im Monat genehmigt sie sich ein Falafelgericht.

Als sie in ihre neue Wohnung gezogen ist, hat sie den alten Umzugskarton weggeschmissen. Ihr ist aufgefallen, wie zerfleddert und zerknautscht er war. Auch Schokoflecken von einem früheren Frustessen hatte er abbekommen. "Und siehe da, ich hab gemerkt: Der beißt nicht."

Text: Andreas Unger