Wie die finnische Diakonie Menschen aus der Schuldenfalle hilft

  • Hilfe bei Schulden

Kalle ist einer von vielen Finnen, die sich mit Fragen zu Schulden an die Diakonie wenden. Anders als in Deutschland sind die finnischen Diakonie-Mitarbeitenden direkt in den Kirchengemeinden anzutreffen. Ein Besuch im finnischen Espoo.

© Ulrike Pape

Saara Kerola, Mit 25 Jahren eine der jüngsten Diakoninnen in Finnland

Als Susanna* ihren Kimmo* im Sommer 2009 heiratete, kam nur eine rauschendes Fest infrage. 10.000 Euro kostete die Hochzeit. "Wir haben gar nicht ans Geld gedacht. Uns ging es darum, jeden gemeinsamen Moment so intensiv wie möglich auszukosten", sagt die 36-Jährige. Denn die Momente sind gezählt. Kimmo ist sterbenskrank, er hat Leukämie. "Es ist, als ob er zum Tode verurteilt sei", sagt Susanna. Aber nicht nur das Fest, auch die Renovierungsarbeiten für die gemeinsame Wohnung hinterließen ein großes Minus auf dem Konto. "Wir haben alles allein bezahlt", betont Susanna. Anfang 2010 verlor sie auch noch ihren Job in der Fertigung einer Fabrik. Und Kimmos Zustand verschlimmerte sich. Beim Gedanken daran verschränkt die junge Frau die Arme und starrt ins Nichts: "Da habe ich beschlossen, nicht mehr über Geld nachzudenken."

"Es war mir alles schrecklich peinlich"

Ein fataler Entschluss. Die Briefe mit Rechnungen und Mahnungen begannen sich zu stapeln und blieben ungeöffnet. Am Ende hatten sich 30.000 Euro Schulden angehäuft. Nach Hilfe zu fragen, fiel Susanna nicht leicht. Im Mai wagte sie es doch und wandte sich an die Diakonie in ihrer Kirchengemeinde. Die Diakonin Saara Kerola war die erste Person, mit der sie offen über alles geredet hat. "Es war mir alles schrecklich peinlich, aber von ihr fühlte ich mich nicht gleich verurteilt", erzählt Susanna. Zusammen mit Kerola füllte sie Formulare aus, um bei der städtischen Schuldnerberatung einen Termin zu beantragen. Die Wartezeiten sind lang. Kein Wunder: 2009 zählte das Statistikamt in Finnland 1,5 Millionen verschuldete Haushalte – mit durchschnittlich knapp 64.000 Euro Minus. Susanna erfuhr durch Saara Kerola auch von ihrem Anspruch auf finanzielle Unterstützung vom Staat, auch wenn sie inzwischen ihren alten Job wieder zurück hat und damit ein regelmäßiges Einkommen bezieht.

Diakonische Arbeit an Gemeinden gebunden

Saara Kerola ist mit 25 Jahren eine der jüngsten von rund 1400 diakonischen Mitarbeitern in Finnland. Sie hat sich am College der Diakonie in Helsinki ausbilden lassen und arbeitet in der Gemeinde Olari nahe der finnischen Hauptstadt. Außerdem steht die engagierte junge Frau in Bereitschaft für Krisenarbeit, zuletzt etwa nach dem Amoklauf in einem Einkaufszentrum in Espoo am Silvestermorgen 2009. Fünf Menschen starben, der Täter erschoss sich anschließend selbst.

Kerolas Gemeinde zählt knapp 30.000 Mitglieder und finanziert sechs diakonische Stellen. Finanzielle Sorgen sind das häufigste Problem, mit dem die Menschen zu ihnen kommen. In Finnland sind rund 80 Prozent Mitglied in der Lutherischen Kirche, das sind 4,3 Millionen Menschen. Aber immer mehr treten aus, und das macht auch der Diakonie zu schaffen. Ihre Arbeit finanziert sich über die Kirchensteuer, die im Schnitt 1,3 Prozent der Einkommensteuer beträgt und jede Kirchengemeinde je nach finanzieller Situation selbstständig festsetzt. Anders als in Deutschland wird hauptsächlich in den Kirchengemeinden diakonisch gearbeitet und nur selten auf institutioneller Ebene wie etwa am Helsinki Deaconess Institute – auf Finnisch: Helsingin Diakonissalaitos. "Wir bestreiten unsere diakonische Arbeit größtenteils mit öffentlichen Mitteln und sind in Finnland damit eine der wenigen Ausnahmen", erläutert Jarmo Kökkö, der dortige Direktor für Sozial- und Entwicklungsarbeit.

Helsinki Deaconess Institute: Vorbild Kaiserswerth

Das Institut wurde 1867 als Krankenhaus gegründet, nach Vorbild des Diakonissen-Mutterhauses in Kaiserswerth. Damals war es finnlandweit das erste Krankenhaus für Arme, in dem auch medizinische Fachkräfte arbeiteten. Das Institut erhält heute von Städten und Gemeinde Aufträge. Einer der größten Kunden ist die Stadt Helsinki: "Wir entwickeln spezielle Programme für Menschen, die schwer erreichbar sind und von der Gesellschaft sonst ausgeschlossen wären", erklärt Kökkö. Landesweit berühmt geworden ist zum Beispiel das Projekt Vamos, das obdachlose Jugendliche aufspürt und zurück ins Leben bringt. Daneben gibt es am Helsinki Deaconess Institute Angebote zu Obdachlosigkeit, Suchtmittelabhängigkeit und Kinderschutz. "Trotz gleicher Werte sind wir als diakonisches Institut anders aufgestellt als die Diakonie in den Gemeinden, was Profil und Finanzierung unserer Arbeit betrifft", sagt Kökkö, der gleichzeitig amtierender Präsident von Eurodiaconia, dem Europäischen Verband für Diakonie, ist.

Auf die Wirtschaftskrise folgen Schuldenberge

Auch die Diakonie in den Gemeinden probiert Neues aus. Zu Beginn der 1990er Jahre schlitterte Finnland in die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Der plötzliche Wegfall des Wirtschaftspartners Sowjetunion machte 300.000 Menschen innerhalb kurzer Zeit arbeitslos. Dies zwang die Diakonie zum Umdenken. Beschränkte sich ihre Arbeit zuvor hauptsächlich auf ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen, waren es jetzt Arbeitslose und Verschuldete im Erwerbstätigenalter. Sinnbild dafür sind die Schlangen vor den Gemeindehäusern für Lebensmittelhilfe, die die Diakonie seither organisiert. 1990 hatten über zwei Millionen Finnen Schulden in Höhe von durchschnittlich rund 20.000 Euro. Bei knapp fünf Millionen Einwohnern war das etwa jeder zweite. Kalle* war einer von ihnen. Sein Geschäft, eine Verkaufsstelle von Ersatzteilen für Autos, ging 1992 bankrott. Damit hatte er über Nacht 200.000 Finnmark Schulden. Wegen der Entwertung der Währung waren es in Kürze 300.000, das entspricht mehr als 50.000 Euro. In der Zwischenzeit verließ ihn seine Frau, das Haus nahm die Bank. "Ich hatte nichts – außer Schulden", erzählt Kalle.

Der heute 53-Jährige suchte in seiner Kirchengemeinde Rat und fand eine Gruppe, in der sich zehn Männern trafen, alle hochverschuldet und zuvor selbstständig gewesen. "Zusammen hatten wir 40 Millionen Finnmark Schulden!", erzählt Kalle, der von da an regelmäßig dabei war. Die Männer standen einander bei. Sie gingen zusammen joggen und kochten gemeinsam. Die Diakonin Tiina Saarela hatte diese Gruppe ins Leben gerufen. "Für ihre Gesundheit und ihr Seelenleben ist es enorm wichtig, dass verschuldete Menschen sich nicht isolieren, sondern rausgehen."

"Steh auf und kümmere dich um Hilfe!"

"Wir schreiten vor allem dann ein, wenn der Schuldenberg so hoch ist, dass er nicht mehr ohne Hilfe abzubauen ist", erläutert Saarela. Die Diakonin kontaktierte für Kalle jeden seiner insgesamt 17 Gläubiger und machte ihnen folgendes Angebot: Zwar könne Kalle seine Schulden nicht vollständig zurückbezahlen, aber es gäbe 5.000 Euro, die zwischen den Gläubigern aufgeteilt werden könnten. Das Geld kam aus einem Fonds der Diakonie. Die Gläubiger willigten ein. Kalles Schulden waren von einem Tag auf den nächsten verschwunden.

In bislang 300 weiteren Fällen erreichte die Diakonie mit Mitteln aus dem Fonds Schuldenfreiheit. Was das für den Einzelnen bedeutet, weiß Kalle nur zu gut: Zehn Jahre lang war er jeden Morgen mit dem Gedanken an seine Schulden aufgewacht. "Oft wollte ich nicht aufstehen", erzählt er, "Der einzige Grund, warum ich mich nicht umgebracht habe, war mein Sohn." Die Zeiten sind vorbei, er arbeitet wieder, als angestellter Verkehrsermittler, und er hat seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. "Ich war immer sehr wütend auf meine Gläubiger gewesen, weil sie mich wie einen Kriminellen behandelten", erinnert sich Kalle, "Nun konnte ich ihnen vergeben." Kalles Rat an andere, die verschuldet sind: "Steh auf und kümmere dich so schnell wie möglich um Hilfe. Sonst verschwendest du dein Leben."

Auch Susanna ist froh, dass sie das beherzigt hat. Sie ist noch auf dem Weg zur Schuldenfreiheit, aber sie kann dem Problem mittlerweile ins Gesicht sehen und aktiv werden. "Durch Saara sehe ich wieder Licht am Ende des Tunnels. Ich weiß jetzt, dass ich Möglichkeiten habe, meine Schulden loszuwerden."

* Name von der Redaktion geändert

Text: Diakonie/Ulrike Pape