Sterbebegleitung: Zwei Männer auf dem Weg

25. November 2014

Der eine ist schwerkrank und wird bald sterben. Der andere steht ihm als Hospizhelfer zur Seite. Die wöchentlichen Treffen bringen beiden etwas.

© Diakonie

Uwe Schwendler (rechts) und Mark Holzberger gehen viel raus.

Gemächlich kommen die beiden Männer zusammen den Weg zum Köpenicker Schloss in Berlin hoch. Äußerlich und vom beruflichen Werdegang könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Der eine sportlich, schlank, mit federndem Gang und vollem Haar – ein Akademiker, der für die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag arbeitet.

Der andere sitzt in einem schweren Rollstuhl, ist von bulliger Gestalt und hat keine Haare mehr. Er hat etwas von einem Skinhead und man kann ihn sich gut vor dem Eingang des angesagten Clubs “Coconut“ in Berlin-Hellersdorf vorstellen, wo er noch bis vor einigen Monaten gearbeitet hat. Dass er seinen Aufgaben im nächtlichen Großstadtgetümmel  gewachsen war, glaubt man sofort.

Doch Uwe Schwedler, 49, erkrankte schwer an Krebs. Noch lebt er in einem Berliner Pflegeheim. Sollte er dort nicht mehr versorgt werden können, will er zum Sterben in das  Diakonie-Hospiz Lichtenberg umziehen. Mit der evangelischen Einrichtung steht er in engem Kontakt. Über sie hat er auch Mark Holzberger, 49, kennengelernt. Die Männer, deren bisherige Leben so unterschiedlich verlaufen sind, bilden jetzt ein Team, denn Mark Holzberger betreut Uwe Schwedler als ehrenamtlicher Sterbebegleiter. Schon nach dem ersten Treffen der beiden Männer wusste Ex-Türsteher Schwedler: „Das passt wie Latsch und Bombe“.

„Die Begleitung von Menschen braucht andere Menschen“, sagt Pastor André-Sebastian Zank-Wins. Er leitet seit 2005 das Hospiz der Diakonie in Berlin-Lichtenberg und kennt die Bedeutung der ehrenamtlichen Helfer. Der Pfarrer weiß, wie schön es für die totkranken Menschen ist, wenn sie Besuch von jemandem bekommen, der nicht dafür bezahlt wird, sondern seine Freizeit ohne Gegenleistung verschenkt. “Das hat eine ganz andere Qualität“.

Nicht in Rumpelkammer sterben

Etwa 70 ehrenamtliche Sterbebegleiter sind für das Hospiz in Lichtenberg tätig. Sie haben im vergangenen Jahr 83 sterbenden Menschen und ihren Angehörigen in der schweren Zeit des Abschieds und des Leidens zur Seite gestanden. Mark Holzberger absolvierte Mitte der 80er Jahre seinen Zivildienst in einem Bremer Altenheim. Dort hat er nachts sterbende Menschen versorgt und für sich beschlossen: So will ich nicht sterben, allein gelassen und isoliert. Besonders hat ihn der Umgang mit den gerade Verstorbenen entsetzt. “Die Toten wurden in eine Rumpelkammer geschoben, die Augen wurden zugedrückt und dann wartete man auf den Arzt, damit er den Totenschein ausstellt.“

Eine schreckliche Erfahrung für den damals jungen Mann. Noch rund 30 Jahre später erinnerte sich der Politiker, wie sehr ihn das Thema angerührt hatte. Zur Hospizarbeit kam er dann nach seiner Scheidung. Als Fraktionsmitarbeiter für Da er in seinem für Migrations- und Integrationspolitik hat er zwar menschlichen Schicksalen, aber weniger mit Menschen selbst zu tun. Er suchte nach einer Möglichkeit seine zwischenmenschliche Kompetenz, die er “beruflich nicht ausleben kann“ anzubringen. “Somit ist die Sterbebegleitung auch eine Kompensation“, erklärt Mark Holzberger.

Vor rund zwei Jahren besuchte er in der alljährlichen Hospizwoche verschiedene Häuser und stellte sich dann in Lichtenberg vor. Ihm hatte die Einrichtung gefallen und so war er erleichtert, dass die Sterbebegleiter des Hospizes nicht Mitglied in einer Kirche sein müssen. Das Hospiz lässt aber die Freiwilligen nicht sofort auf die Patienten los. Nach einem ausführlichen Gespräch nimmt jeder ehrenamtliche Sterbebegleiter an einem intensiven, zehn Monate langen Einführungskurs teil. Die Veranstaltungsreihen beginnen jeweils im Februar. Die Gruppen treffen sich alle 14 Tage für drei Stunden sowie an zwei Wochenenden. “Das ist viel Zeit“, erzählt Holzberger. “Aber die braucht man auch!“

In den Kursen geht es auch um Pflege, Bestattung und Trauerbegleitung,  aber für Holzberger war das wichtigste die Frage der Rollenklärung. “Das ist für mich der Kern des Kurses“, erzählt er. “Man muss sich entscheiden: In welche Rolle begebe ich mich, und in welche nicht. Bin ich der Anwalt des Sterbenden? Darf ich das Pflegepersonal auch mal kritisieren? Diese Fragen klärt man für sich am besten vorher.“  Man begibt sich unter Umständen in verschiedene Spannungsfelder, auch mit Angehörigen, so Holzberger. Außerdem lerne man in den Kursen “Ehrfurcht und Demut“.

Die erste Begleitung in den Tod

Uwe Schwedler ist der Erste, den Mark Holzberger in den Tod begleiten wird. So verschieden die Männer sind, es gibt auch Gemeinsamkeiten. Beide sind gleich alt, haben eine gescheiterte Ehe hinter sich, sind Väter von mehreren Kindern, erzählen gerne und sind unternehmungslustig. Sie treffen sich jede Woche für ein paar Stunden, gehen zum Fußball, in den Zoo und wollen die Stadt, vor allem den Westteil Berlins, den Uwe Schwedler noch nicht gut kennt, erkunden. “Noch setzten wir uns viel mehr mit dem Leben als mit dem Tod auseinander“, sagt Mark Holzberger, denn Uwe Schwedler ist mit seinem Rollstuhl noch sehr mobil. Die Männer haben ein großes Ziel: Im April wird der ehemalige Türsteher 50 Jahre alt. Diesen Tag möchte er gerne noch erleben.

Text: Sibylle Ahlers/ Diakonie magazin

Weitere Informationen

Die Fortbildungen des Diakonie-Hospizes Lichtenberg beginnen jeweils im Februar. Informationen gibt Kristina Kraeusel unter Tel.: 030/5472-5731. Ähnliche Angebote gibt es auch in anderen Hospizen, Bei Interesse fragen Sie dort bei den Mitarbeitern nach.