Unerfüllter Kinderwunsch: Antworten auf häufige Fragen

  • Schwangerschaft und Geburt

Schwangerschaftsberatungsstellen begleiten nicht nur Schwangere und Familien, sondern auch Frauen, Männer und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Antworten auf häufige Fragen und Sorgen in dieser oft belastenden Lebensphase geben Leona Schoppengerd-Brast und Uwe Bleicher von der Beratungsstelle "die fam.", der Evangelischen Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaftskonflikte und Sexualberatung der Diakonie in Minden.

Wir begleiten Paare oder auch einzelne Männer oder Frauen vor, während und auch nach einer möglichen Kinderwunsch-Behandlung. Zunächst hören wir erst einmal zu. Denn darüber zu reden, fällt vielen schwer. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist kein Thema, das sofort mit der Familie oder mit Freunden bei der Kaffeetafel besprochen wird. Wir hören oft von blöden Sprüchen, die zwar witzig gemeint sind wie „Brauchst du etwa Nachhilfe beim Sex?“, aber die die Betroffenen noch mehr unter Druck setzen. Nach dem Motto: Alle bekommen Kinder, nur ich nicht. Bei uns in der psychosozialen Beratung bieten wir einen geschützten Raum, in dem Sie aussprechen können, was Sie bewegt. Allein durch das Darüber-Reden sinkt die emotionale Belastung und Sie finden Erleichterung.

Viele Paare sind, wenn sie in die Beratung kommen, erschöpft durch einen immer wiederkehrenden Kreislauf des Hoffens und Bangens um ein Kind, das nicht kommen will, und fühlen sich angesichts der zahlreichen medizinisch-technischen Möglichkeiten überfordert. Damit verbunden sind persönliche und auch finanzielle Fragen, für die wir uns Zeit nehmen und bei deren Klärung wir sie begleiten.

Wir kooperieren mit Ärzten und Ärztinnen wie auch medizinischen Kinderwunschzentren. Dort erfahren Sie womöglich, dass Sie unfruchtbar sind. Oft stellt sich das erst heraus, wenn der Kinderwunsch bereits da ist und in der Regel die Erwartung hoch ist, dass jetzt bald die Schwangerschaft eintreten soll. Abgesehen von der medizinischen Ebene beschäftigen wir uns im Beratungsgespräch mit der Frage, was die Unfruchtbarkeit für Ihr Leben bedeutet: Wie gehen Sie jetzt damit um?

Unsere Beratung ist kostenlos und verfolgt keinerlei Interessen. Wir sind neutral. Wir überlegen zusammen: Was möchten Sie und was passt am besten in Ihre jetzige Lebenssituation?

 

Auf jeden Fall sollten Sie das Gespräch mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt suchen. Eine medizinische Abklärung ist erforderlich, völlig unabhängig davon, wie Sie mit dem Thema weiter umgehen möchte. Wenn medizinisch „alles in Ordnung“ ist, empfehlen Mediziner „Sex nach Eisprung“, denn der Zeitraum, in dem eine Frau schwanger werden kann, ist begrenzt. Manchmal ist es wichtig, einfach noch einmal biologisches Wissen zu vermitteln. Manche wundern sich, dass es mit der Schwangerschaft nicht klappt, wenn Sie zum Beispiel nur am Wochenende Sex haben und dabei regelmäßig das Zeitfenster des Eisprungs der Frau verpassen. Plötzlich bestimmt also der weibliche Zyklus das Sexualleben. Das kann zu einer weiteren Belastung für das Paar werden. Aber auch unabhängig vom Kinderwunsch hilft die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Zyklus, sich selbst als Frau oder die Partnerin und das Beziehungsleben besser zu verstehen.

Die moderne Medizin eröffnet viele Möglichkeiten. Die drei häufigsten Methoden der künstlichen Befruchtung sind:

1)    In-vitro-Fertilisation: Eizellen aus den Eierstöcken der Frau werden in einer Glasschale mit zuvor gewonnenen Samenzellen zusammengebracht. War die Befruchtung erfolgreich, werden die befruchteten Eizellen in die Gebärmutter der Frau eingebracht.

2)    Insemination, die Samenübertragung. Dafür werden die Samenzellen des Partners oder eines Spenders direkt in die Gebärmutter der Frau übertragen.

3)    Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), die häufigste Methode einer künstlichen Befruchtung. Hierbei wird eine einzelne Samenzelle direkt in eine Eizelle eingespritzt, die zuvor der Frau entnommen wurde.

Hinzu kommen Medikamente, die zum Beispiel die Eireife in den Eierstöcken stimulieren. Im Beratungsgespräch stehen wir Ihnen bei, Risiken und Nebenwirkungen abzuwägen, Konsequenzen abzuschätzen und individuelle Entscheidungen zu treffen.

 

Die Krankenkassen übernehmen anteilig die Kosten für die Kinderwunsch-Behandlung. Den Rest müssen Sie selber tragen. In sechs Bundesländern gibt es staatliche Zuschüsse als Ergänzung zu den Kostenbeteiligungen der Krankenversicherungen. Dafür müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Auf dem Informationsportal Kinderwunsch lässt sich durch die Beantwortung von acht Fragen herausfinden, ob die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung im eigenen Bundesland besteht und sich ein Antrag lohnt.

 

Sofern es vom Alter her Spielraum gibt, hilft es Paaren, hin und wieder auf die Bremse zu treten und sich eine Pause zu gönnen. Denn oft wird alles nur noch dem Kinderwunsch untergeordnet - zum Beispiel statt Sex aus Lust, nur noch Sex nach Fahrplan. Paare verlieren sich dabei selbst aus dem Blick. Für eine individuell zu verabredende Zeit das Baby-Thema erst einmal hintenanzustellen, ermöglicht Abstand und für sich selbst zu klären, was im Leben wesentlich ist und wie es weitergehen soll.

Oft schwingen unterschwellig Schuldzuweisungen mit: Wegen dir kann ich nicht Vater oder Mutter werden, Du bist schuld. Wichtig ist, das Gespräch zu suchen und das „Wir“ im Blick zu behalten. Die ungewollte Kinderlosigkeit wird unterschiedlich verarbeitet. Einer kann vielleicht gut ohne Kinder leben, der andere nicht. Hier gilt es auszusprechen, was innerlich bewegt und gemeinsam die eigene Lebensplanung zu überdenken und einen Plan B zu entwerfen – was passt zu uns?

 

Wenn es mit Schwangerschaft dann „klappt“, ist die Freude nicht immer ungetrübt. Frauen/Paare, die lange auf eine Schwangerschaft gewartet haben, vielleicht auch einige Misserfolge hinter sich haben, haben noch länger das Gefühl, auf Abruf schwanger zu sein, weil vielleicht doch noch etwas passieren oder schief gehen könnte. Sie können dem Erfolg noch nicht so richtig trauen und machen sich Sorgen, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Das kann auch den Druck erhöhen, pränataldiagnostische Untersuchungen in Anspruch zu nehmen, um alles rechtzeitig zu kontrollieren und perfekt informiert zu sein. Dadurch ergeben sich wieder neue Fragestellungen, die ebenfalls nicht einfach zu beantworten sind. Insgesamt ist es ein sehr komplexes Thema, bei dem es nicht so einfach ist, sich das Gefühl von „guter Hoffnung zu sein“ zu erhalten.  Auch nach erfolgreich einsetzender Schwangerschaft hilft die Beratung, die Freude überhaupt fassen zu können und sich auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten.

 

Nehmen Sie sich Raum, innezuhalten und Ihre Gefühle wahrzunehmen, Ihre bisherigen Erfahrungen zu verarbeiten und als Paar gemeinsam nachzudenken, um neue Perspektiven entstehen zu lassen. Alternativen zum leiblichen Kind sind Adoption, ein Pflegekind oder eben auch keine Kinder. Auch hilft es, in sich zu gehen und zu überlegen: Was hat mir vor dem Kinderwunsch Freude bereitet? Was füllt mein Leben? Was ist für uns zwei ein gutes Leben?

Leona Schoppengerd-Brast und Uwe Bleicher von der Beratungsstelle "die fam." der Evangelischen Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaftskonflikte und Sexualberatung der Diakonie in Minden, beraten seit 23 Jahren rund um die Themen Familienplanung, Schwangerschaft, Sexualität, Verhütung, Geburt und die erste Zeit danach.

 

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape